Bild: Kontaminierte Osturalspur (c) Jan Rieke / commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0

Heute vor 60 Jahren: Katastrophe bei Kyschtym

Am 29. September 1957 ereignete sich der drittschwerste AKW-Unfall der Geschichte – nach Tschernobyl und Fukushima – in Kajak. Er wurde mit INES 6 eingestuft.

Die kerntechnische Anlage Kajak liegt im Südural, 15 Kilometer östlich der Kleinstadt Kyschtym. Sie war als erste sowjetische Produktionsstätte für spaltbares Material eine der wichtigsten Anlagen der ehemaligen Sowjetunion. Das Gelände der Anlage umfasste knapp 90 Quadratkilometer.

Erst 1990 wurde bekannt, dass dort eine Katastrophe stattgefunden hatte, da in Zeiten des Kalten Krieges solche Anlagen und Ereignisse unter strikter Geheimhaltung standen. Der Unfall ist auch ein Paradebeispiel für die Nichteinhaltung von Sicherheitsstandards bei solchen geheimen Projekten.

In Kajak gab es insgesamt zehn Reaktoren unterschiedlichster Bauart, wovon zwei bis heute in Betrieb sind. Der Unfall selbst ereignete sich nicht in einem Reaktor, sondern in einem Stahltank für radioaktive Rückstände aus den Brennelementen.

Die schwach- bis mittelradioaktiven Abwässer des Reaktors und der Aufbereitung wurden direkt in künstliche Gewässer, später in den Fluss Tetscha und am Ende in den Karatschaj-See geleitet.
Dieser hochgradig kontaminierte See trocknete während einer Dürre – zehn Jahre nach der Katastrophe – komplett aus. Der dadurch entstandene Staub belastete Hunderttausende Menschen.

Der ehemalige See ist heute absolutes Sperrgebiet.

Die bereits weiter oben angesprochenen hochradioaktiven Abwässer wurden in einem großen, unterirdischen Stahltank (300 Kubikmeter Fassungsvermögen) gesammelt. Da die Isotope des verseuchten Wassers eine große Nachzerfallswärme hatten, musste der Tank permanent gekühlt werden.

Schon ein Jahr vor dem Unfall war bereits die Kühlleitung des Tanks undicht geworden. Die radioaktive Flüssigkeit trocknete langsam im Tank aus und bildete hochexplosive Acetat- und Nitratsalze. 1957 löste schließlich der Funken eines Kontrollgerätes eine schwerwiegende Explosion aus. Knapp 100 Tonnen radioaktiver Substanzen wurden dabei bis zu einen Kilometer hoch in die Luft geschleudert. Noch Kilometer vom Unglücksort entfernt zerbrachen Fensterscheiben und der Nachthimmel leuchtete bläulich. Der Bevölkerung wurde dieses Phänomen als Wetterleuchten oder Nordlichtern verkauft.

Die großen Mengen an Cäsium-137 und Strontitium-90, die durch die Explosion freigesetzt wurden, verbreiteten teilweise aufgrund des starken Nordwindes in einer 300 Kilometer langen und bis zu 50 Kilometern breiten Schneise. Insgesamt 270.000 ahnungslose Einwohner wurden den Strahlen ausgesetzt.

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